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09.04.2019

TTVR und RTTV fusionieren

Heinemann: „Wir wollen das Angebot für die Vereine verbessern“

Felix Heinemann und Markus Baisch, die Präsidenten des rheinländischen und des rheinhessischen Verbandes, haben in der Sportschule Seibersbach den Verantwortlichen der Kreise und Regionen den Entwurf der Satzung für den künftigen gemeinsamen Verband im nördlichen Rheinland-Pfalz vorgestellt und mit den Funktionsträgern Änderungswünsche und Verbesserungsvorschläge diskutiert. Anlässlich dieser Tagung sprachen wir mit den Präsidenten über den Stand der geplanten Fusion, die Gründe für den Zusammenschluss und mögliche Auswirkungen nach innen und außen.

 

Herr Heinemann, Herr Baisch, erläutern Sie doch bitte einmal kurz, warum Sie eine Fusion der beiden Verbände anstreben.

 

Heinemann: Wir wollen das Angebot für die Vereine insgesamt verbessern. Wir sehen uns immer größeren Problemen ausgesetzt, was Mitglieder- und Vereinszahlen angeht, aber auch sinkenden finanziellen Mitteln. Durch die Fusion glauben wir, dass wir ein größeres Finanzvolumen zur Verfügung haben, um dann auch den Service für die Vereine zu verbessern. Wir schaffen Synergien. Arbeiten, die jetzt zweimal gemacht werden, können wir auf eine Stelle konzentrieren.

 

Baisch: Außerdem haben wir das Problem, dass wir für viele Aufgaben nicht mehr geeignetes ehrenamtliches Personal finden. Stichworte sind da Antidoping, Datenschutz, Integration, Inklusion und Ähnliches.

 

Wären die Verbände auf Dauer überhaupt überlebensfähig, wenn sie eigenständig blieben?

 

Heinemann: Auf Dauer bin ich da skeptisch. Wir könnten sicherlich noch eine Zeitlang so weiterarbeiten wie bisher. Allerdings könnten wir keine großen Innovationen oder Investitionen mehr tätigen.

 

Gilt das auch für Rheinhessen, den deutlich kleineren Verband?

 

Baisch: Das Problem ist, dass neben dem Tagesgeschäft tatsächlich zu wenig Zeit bleibt, um sich auf die Weiterentwicklung des eigentlichen Kerngeschäfts zu konzentrieren.

 

Welche Vorteile erhoffen Sie sich von der Fusion?

 

Baisch: Wir hoffen, dass wir die nötigen Kapazitäten freischaufeln, um uns den Themenstellungen zu widmen, die unseren Sport, unsere Verbände zukunftsfähig machen. Dazu gehört beispielsweise Mitgliedergewinnung in Schulen, Kindergärten, Altenheimen, bei Flüchtlingen und anderen Gruppen, die wir bislang nicht konsequent verfolgen können.

 

Wann fanden erste Gespräche zu dem Thema statt?

 

Baisch: Wenn man von historischen Begebenheiten absieht, gab es die ersten spinnerten Gedanken schon 2010. Konkreter geworden ist es ab 2013 und hat dann kontinuierlich Fahrt aufgenommen.

 

Wie einfach oder schwierig gestalteten sich die Verhandlungen?

 

Heinemann: Die Verhandlungen an sich waren gar nicht so schwierig, weil wir uns, was das Ziel angeht, eigentlich sehr einig waren. Natürlich gibt es immer wieder einzelne Punkte, die etwas härtere Nüsse darstellten, die zu knacken waren. Die Verhandlungsatmosphäre war aber immer sehr gut.

 

Baisch: Als schwierig hat es sich teilweise erwiesen, dass die Personaldecke in beiden Verbänden nicht unbedingt üppig ist. Deshalb war einiges knapper im Plan, als eigentlich vorgesehen.

 

 Wo lagen im sachlichen Bereich die größten Schwierigkeiten? Es gab in den Verbänden doch ganz verschiedene Strukturen und in der Finanzierung unterschiedliche Ansätze.

 

Heinemann: Ich glaube, dass der finanzielle Bereich – da sind wir auch im Moment noch dran – einer der schwierigsten ist. Wobei auch da das Ziel klar ist, die Frage aber ist, welche Elemente der beiden Finanzierungsstrukturen man anwendet. Das ist auch sachlich nicht ganz so einfach. Ansonsten war auch die Frage der Organisationsstruktur ein Bereich, der von der Materie her nicht einfach war.

 

Baisch: Wir haben lange über die Weichenstellung diskutiert, ob wir den ganz modernen Weg gehen mit hauptamtlichem Präsidium, also der Verlagerung der Verantwortung in den operativen Bereich, oder ob wir bei einer klassischen Struktur mit ehrenamtlichem Führungspersonal bleiben.

 

Mussten Widerstände bei Sportlern oder Funktionsträgern überwunden werden?

 

Baisch: Es gab im Schnittbereich, gerade im nördlichen Rheinhessen, am Anfang erhebliche Bedenken, dass weitere Fahrtstrecken entstehen. Das war allerdings von beiden Verbänden von vorneherein abgesprochen, dass das nicht passieren wird. Die Ligenstruktur bleibt gleich.

 

Heinemann: Ein weiteres Problem ist zudem bei Funktionsträgern, ob sie weiter so verfahren können wie bisher. Da mussten Ängste und Sorgen abgebaut werden. Es war durch die Kommunikation aber gar nicht so schwierig, weil wir frühzeitig klar gemacht haben, dass an dieser Stelle keine wirkliche Gefahr besteht.

 

Wie ist die Resonanz an der Basis auf den derzeitigen Zwischenstand? Es werden ja schon gemeinsame Einzelmeisterschaften ausgerichtet. Wie wird das angenommen?

 

Baisch: So lange der Spielbetrieb läuft, gibt es an der Basis relativ wenig Reaktion.

 

Heinemann: Die gemeinsamen Meisterschaften und der dadurch höhere sportliche Wert werden durchaus positiv aufgenommen.

 

Welche Schritte stehen noch aus und wie sieht der weitere Zeitplan aus?

 

Heinemann: Wir werden eine gemeinsame Satzung erstellen. Das ist der nächste Schritt. Es muss dann ein Verschmelzungsvertrag geschlossen werden, der auch noch zu erarbeiten ist. Auch die der Satzung untergeordneten Ordnungen müssen noch erstellt oder entsprechend angepasst werden.

 

Baisch: Wobei da die größte Arbeit die Beitrags- und Finanzordnung sein wird.

 

Heinemann: Im Herbst wollen wir in beiden Verbänden über diesen Vertrag auf außerordentlichen Verbandstagen abstimmen lassen. Wenn alles gutgeht, haben wir am 1. Januar 2020 die Fusion geschafft.

 

Wie sieht es mit dem Namen des neuen Verbands aus? Die derzeit benutzte Bezeichnung R.TTV.R ist ja eher ein Kunstprodukt. Hinter der Abkürzung verbirgt sich kein Name.

 

Baisch: Am liebsten wäre uns natürlich „Tischtennisverband Rheinland-Pfalz“, aber ohne die Pfalz geht das leider im Moment nicht. Insofern wird es vermutlich auf „Tischtennisverband Rheinland-Rheinhessen“ oder eine ähnliche Kombination hinauslaufen. Aber die Abkürzung hat sich, glaube ich, bewährt und ich wäre dafür, sie beizubehalten.

 

Heinemann: Über die Namensfrage haben wir uns noch keine abschließenden Gedanken gemacht.

 

Baisch: Priorität hat es auch aus unserer Sicht nicht, wie das Kind am Ende heißt.

 

Was verändert sich für die Vereine, was für die Sportler im Einzelspielbetrieb durch die Fusion?

 

Heinemann: Für die Vereine wird sich im Mannschaftsspielbetrieb nichts ändern. Die Spielklassen bleiben erhalten, auch die Ligenstruktur. Die gemeinsamen Turniere im Einzelspielbetrieb haben wir ja bereits eingeführt. Es wird sich nichts ändern, was sich nicht schon geändert hat.

 

Von den drei rheinland-pfälzischen Verbänden hat sich die Pfalz nicht zu einem Zusammenschluss durchringen können. Kennen Sie die Gründe?

 

Baisch: Die Gründe scheinen im historisch bedingten Selbständigkeitsdenken der Pfalz zu bestehen.

 

Sicherlich ist es das Ziel, irgendwann auch die Pfalz mit ins Boot zu holen. Muss dann der gleiche Aufwand erneut betrieben werden?

 

Baisch: Es ist perspektivisch schon berücksichtigt, dass wir die Pfalz andocken wollen. Wir glauben nicht, dass da wesentlicher Anpassungsbedarf bestünde. Wobei der große Block Wettspielordnung sowieso bundeseinheitlich ist.

 

Was wird sich nach der Fusion im Verhältnis zur Pfalz verändern? Profitieren Rheinhessen und das Rheinland innerhalb des Bundeslands vom Zusammenschluss – möglicherweise auch im finanziellen Bereich durch die Zuschüsse vom Land?

 

Heinemann: Wir haben das Signal bekommen, dass sich die Zuschüsse nicht ändern. Wenn, dann würde der Vorteil darin bestehen, dass wir die Möglichkeit haben, die Mittel effektiver einzusetzen und damit bessere Ergebnisse erzielen.

 

Wie verhält sich der DTTB zu den Fusionsbemühungen?

 

Baisch: Der DTTB begrüßt alles, was das sportliche Niveau erhöht. Vor diesem Hintergrund begrüßt er sicherlich auch die Fusion von Rheinhessen und dem Rheinland.

 

Heinemann: Die Signale, die wir vom DTTB erhalten, gehen genau in diese Richtung.

 

Baisch: Unser Ansatz, der Ausbau der Sportentwicklung, liegt voll auf der Linie des DTTB-Programms 2020.

 

Wird durch die Fusion der Einfluss von Rheinhessen und dem Rheinland im Dachverband auf Bundesebene geringer, etwa durch den Verlust von Stimmen?

 

Baisch: Wir werden zukünftig geringfügig weniger Stimmen haben, als wir bisher zusammen hatten, weil es eine Grundquote gibt. Letztlich ist es aber so, dass mit zwei kleinen Verbänden keiner spricht, auch wenn sie zusammen mehr Stimmen haben als ein etwas größerer. Die Chance, dass mit uns über wesentliche Dinge vorab gesprochen wird, steigt tendenziell. 

 

Der Landespolitik war immer schon daran gelegen, dass der Sport enger zusammenrückt. Kommen von der Politik Signale, dass sie die Fusionsbestrebung unterstützt?

 

Heinemann: Im Leistungssportbereich kamen die Signale, dass die Verbände zusammenarbeiten müssen, um weiter förderungswürdig zu sein ...

 

Baisch: ... einschließlich der Pfalz.

 

Heinemann: In den Gesprächen wurde unsere Fusion begrüßt.

 

Baisch: Ich glaube, dass unsere Bestrebungen noch unter dem Radar der Politik stattfinden.

 

Wie steht der Landessportbund zu den Fusionsbestrebungen?

 

Baisch: Er begrüßt das. Das hat mit der DOSB-Leistungssportreform zu tun: Wenn die Verbände Mittel für den Leistungssport haben wollen, müssen sie zusammenarbeiten. Auf dieser Ebene wird das begrüßt. Aber tatsächlich interessiert den LSB Tischtennis auch nicht.

 

Der LSB mit seinen drei regionalen Untergliederungen und noch stärker die Sportjugend geben wegen Streitereien derzeit nach außen kein gutes Bild ab. Kann der Tischtennis-Sport ein Vorbild für die Dachorganisation sein?

 

Baisch: Wenn wir es schaffen, irgendwann die Pfalz mit ins Boot zu holen, dann ja.

 

Heinemann: Ich denke auch, dass es nur Sinn ergibt, wenn wirklich – vielleicht nicht nur im Tischtennis sondern auch bei anderen Fachverbänden –  Fusionsbestrebungen für ganz Rheinland-Pfalz bestehen. Dann könnte dieses Denken auch auf LSB-Ebene überschwappen.

 

Wie beurteilen Sie die Querelen im LSB?

 

Heinemann: Im Ergebnis ist es schade, wenn das Bild des Sports in der Öffentlichkeit nicht so gut ist, wie es sein könnte. Andererseits sind wir da nicht so sehr betroffen.

 

Glauben Sie, dass Tischtennis eine Vorreiterrolle für andere Sportarten übernehmen kann? Gibt es Interessenten, die schon einmal nachgefragt haben, wie es läuft?

 

Baisch: Die Leichtathleten stecken im selben Prozess, sind aber noch nicht ganz so weit. Von deren Präsidenten aus Rheinhessen bin ich schon angesprochen worden.

 

Heinemann: Ich kann mir auch vorstellen, dass wenn bei uns das Endprodukt einmal steht, und wenn bekannt wird, dass es bei uns geklappt hat, der ein oder andere Fachverband kommt und fragt: Jungs, wie habt ihr das gemacht? Wir würden es auch gerne machen.

 

Die Fragen stellte Gert Adolphi